An alle FriedensarbeiterInnen,
Gestern war mein 55. Geburtstag. Ich danke allen Freunden, die sich an meinem spirituell-politischem Weg der Heilung beteiligen und ihn bis heute unterstützt haben. Ich werde in diesem Jahr die Frage vertiefen, was es heißt, die volle Glaubensgewissheit wiederzufinden. Die Gewissheit der möglichen Heilung, die Gewissheit des inneren Wandels, der in der Lage ist, global heilend zu wirken.
Wir sind ein "Licht für die Völker", schrieb Martin Buber 1952 über die Juden. Sind wir nicht alle in der Lage, diese innere Lichtgestalt in uns und anderen anzusprechen, die Lichtgestalt einer Person oder eines Volkes? Ist dies nicht auch die tiefere Botschaft Jesu?
Wer hiermit beginnt, spürt, zu welchem radikalen Wandel wir alle heausgefordert sind, wenn wir heilend wirken wollen. Wir können es an niemand anderen mehr abschieben. Es beginnt mit uns selbst. Buber geht sehr weit in seiner Formulierung. "Nur eine innere Revolution kann die Kraft haben, unser Volk von seiner mörderischen Krankheit grundlosen Hasses zu heilen. Sie wird zwangsläufig unseren vollständigen Untergang hervorrufen. Dann erst werden die Alten wie die Jungen in unserem Land erkennen, wie groß ihre Verantwortung für das Elend (der arabischen Flüchtlinge) ist." Dies betrifft uns alle. Wir alle müssen bereit sein, etwas in uns sterben zu lassen, damit das Neue wirklich geboren werden kann.
Wenn wir etwas wahrhaft Neues in uns aufstehen lassen wollen, muss etwas Altes in uns sterben.
Bethlehem war mir in den Weihnachtstagen sehr nah, mit all unseren palästinensischen Freunden. All unsere globalen Freunde, die unter viel schwierigeren Bedingungen ihr Leben verbringen, waren mir nah. Ich grüße sie aus der Ferne und verspreche, dass ich mein Leben weiter und vertieft der Frage widme: Wie können wir einen Beitrag leisten zur Heilung dieser Erde?
Ich wünsche allen ein gesegnetes nachdenkliches und tatkräftiges Neues Jahr. Als Krafttext sende ich einen Text aus meinem Buch "GRACE-Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg". Es ist aus dem Kapitel "Besuch bei den Siedlern".
Krafttext: Ein Erwachen in eine größere Art des Menschseins
aus: GRACE - Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg.
Von Sabine Lichtenfels, Verlag Meiga, 2005
Niemand kann es verbergen, jeder von uns atmet auf, dass wir jetzt die Westbank verlassen haben. Gleichzeitig sind wir uns der Ungerechtigkeit durchaus bewusst, denn die Bewohner der Westbank haben nicht das gleiche Privileg. Sie bleiben zurück in der Situation, die wir als Gäste für 10 Tage mit ihnen teilten. Das, was uns schon jetzt viel zu viel wurde, das ist ihr alltägliches Leben. Wie könnten wir sie je belehren? Nein, wir können nur teilen, wahrnehmen und helfen, dort, wo es uns möglich ist. Helfen, durch Selbstveränderung, helfen, indem wir uns dem kranken Teil auf der anderen Seite zuwenden, aus dem wir kommen. Die eine Seite kann nur heil werden, wenn das Ganze heilt. Krank ist nicht ein Teil, krank ist das Ganze. Auf der einen Seite der Mauer ist die Krankheit offensichtlich geworden, bei uns ist sie in der Latenz und möchte ins Bewusstsein treten, um heilen zu können.
In uns ist ein verliebtes Gefühl, als müssten wir einen Geliebten verlassen. Der Geliebte, das ist dieses Mal nicht eine Person, sondern ein ganzes Land mit seinen Sitten, Lebensgewohnheiten, mit seiner Schönheit und seinem dringenden Hilferuf. Es hinterlässt in uns ein Gefühl von Trauer, aber auch von Entschlossenheit, etwas für all diejenigen zu tun, die wir auf der anderen Seite zurücklassen müssen. Wir möchten der Welt mitteilen, was wir gesehen haben. Wir möchten erzählen von der Menschlichkeit und Schönheit, die wir in der Westbank erfahren haben, aber auch von der unendlichen Trauer, von der Wut und dem Alleingelassensein. Wie viele Menschen in der westlichen Welt haben Angst davor, alleingelassen zu werden! Könnte nicht ein großer Teil davon geheilt werden, wenn wir uns entscheiden würden, diejenigen nicht mehr allein zu lassen, die uns dringend brauchen? Wahrhafte Liebe läuft nicht davon, wenn es schwierig wird. Gerade hier verweilt sie in ihrer Gegenwärtigkeit und heilenden Kraft und sucht die Bahnen der Selbstverwirklichung.
Kraftsatz: Wahrhafte Liebe läuft nicht davon, wenn es schwierig wird.
Mit herzlichen Grüßen aus Tamera!
Sabine Lichtenfels